936 Begräbnis Heinrichs I die archäologische Suche nach den Gebeinen in Quedlinburg und die NS-Propaganda

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936 Begräbnis Heinrichs I die archäologische Suche nach den Gebeinen in Quedlinburg und die NS-Propaganda Uta Halle»936 Begräbnis Heinrichs I die archäologische Suche nach den Gebeinen in Quedlinburg
936 Begräbnis Heinrichs I die archäologische Suche nach den Gebeinen in Quedlinburg und die NS-Propaganda Uta Halle»936 Begräbnis Heinrichs I die archäologische Suche nach den Gebeinen in Quedlinburg und die NS-Propaganda«oder anders formuliert: Es handelt sich hierbei um ein historisches Ereignis des Jahres 936 und dessen nationalsozialistische Vereinnahmung und Missbrauch. Dementsprechend zeigt sich die Gliederung des Beitrages: 1 Zunächst eine kurze Einführung in das historische Ereignis, den Tod und die Bestattung Heinrichs I. im Jahr 936 anhand der historischen Quellen. Anschließend wird die ideologische Bedeutung der Vorgeschichtsforschung und Heinrichs I. für die beiden NS-Verantwortlichen, den»reichsführer SS«Heinrich Himmler und den»chefideologen«alfred Rosenberg vorstellen. Danach gehe ich auf die Ereignisse der Jahre 1936 bis 1945 ein begann in St. Servatii in Quedlinburg die archäologische Suche nach den historischen Gebeinen Heinrichs und bis 1945 erfolgte die propagandistische Nutzung durch die Nationalsozialisten. Quedlinburg, 922 erstmals urkundlich erwähnt, war 13 Jahre später Sitz des Kanonikerstifts St. Jacobi und Wiperti auf dem Schlossberg der Stadt. 2 Noch wiederum ein Jahr später, 936, fand das historische Ereignis, um das es geht, statt. Im diesem Jahr starb Heinrich I. in der Pfalz Memleben, der Pfalz, in der er sich oftmals aufgehalten hatte. Mehrere historische Quellen geben Auskunft über das Geschehen, den Tod und das Begräbnis. Der Merseburger Bischof Thietmar berichtet darüber in seiner Chronik: 3»Als [Heinrich I.] nach zahllosen Beweisen für seine edle Art, sein Leben durchmessen hatte, verstarb er im 16. Jahr seines Königtums, im 60. seines Lebens, am 2. Juli zu Memleben; von allen Fürsten mit Recht tief betrauert, wurde er in Quedlinburg, das er selbst von Grund auf geschaffen hatte, beigesetzt.«auch Widukind von Corvey erzählt von Heinrichs Tod: 4»Sein Leichnam wurde von seinen Söhnen in die Stadt Quedlinburg gebracht und begraben in der Kirche des heiligen Petrus vor dem Altar, unter dem Jammern und den Tränen vieler Völker.«Das historische Ereignis besaß zunächst einmal einen individuellen Charakter und wenn wir dem Chronisten Widukind folgen, so war Heinrichs Tod vorhersehbar, da der 60jährige König schwer erkrankt war. 5 Auch der Tod von Heinrichs Witwe, der Königin Mathilde, 968 wurde beschrieben und aus dieser Erwähnung lassen sich Rückschlüsse auf den Ort der Bestattung gewinnen: 6»Dann ging auch die fromme Mathilde am 14. März aus diesem Elend hinüber;... beigesetzt wurde sie am Altare des Bischofs Christi Servatius neben ihrem geliebten Gemahl, mit ihm im Tode vereint zu werden, den sie im Leben so geliebt hatte, war zeitlebens ihr ständiger Wunsch gewesen.«widukind schildert den Tod Mathildes ohne nähere Angaben zum Ort der Bestattung. 7 Thietmar beschrieb auch den Tod der Enkeltochter Heinrichs I.: Mathilde verstarb an einer Krankheit am 6. Februar 999.»Bestattet wurde sie in der Kirche zu Häupten König Heinrichs, ihres Großvaters.«8 Heinrich I., 919 als sächsischer Herzog zum König der Ostfranken gewählt, einte in seiner Regierungszeit das fränkische Reich, schlug die Ungarn und begann mit der Osterweiterung des Reiches. Dieser Herrscher des Mittelalters eignete sich aufgrund der überlieferten Fakten für eine ideologisch-propagandistische Verwirklichung und Vermarktung fachwissenschaftlicher Ereignisse und Ergebnisse im politischen Alltag der Nationalsozialisten, von denen im folgenden die Meinungen Himmlers und Rosenbergs zur Vorgeschichte und speziell die Äußerungen zu Heinrich I. vorgestellt werden. Einleitung 1 Es handelt sich dabei im wesentlich um den Vortragstext, der um Anmerkungs- und Literaturteil erweitert wurde. 2 Zur Bedeutung Quedlinburgs vgl. Bulach 2000 mit weiterführenden Literaturangaben. 3 Thietmar von Merseburg, Quellen, Quellen, Thietmar von Merseburg, Quellen, Thietmar, Heinrich Himmler 9 Langsdorff/Schleif 1936, 391. Himmler setzte diese sinnliche Erfahrung auch bei der Ausgestaltung seines Büros ein, indem er dort»nachbildungen vorgeschichtlicher Töpferkunst«als Aschenbecher und Vase aufgestellt haben wollte: Schreiben vom 24. Oktober 1933 des SS-Sturmhauptführers Suchsland an den Direktor des Provinzialmuseums in Halle, Hans Hahne; zitiert nach Heiber 1968, Vgl. Halle Rauschning 1940, Schreiben des Reichserziehungsministeriums an die Kultusministerien der Länder vom 10. Januar Staatsarchiv Detmold L 80 Ia Gr. XXX Tit. 4 Nr. 7 Bd Zum Beispiel»Vom nordischen Rechteckhaus zur germanischen Halle«(5. März 1936);»Wie wohnten unsere Vorfahren«(19. März 1936);»Wir blicken Jahre zurück«(23. April 1936). 14 Kroll 1998, Himmler in seiner Rede am 2. Juni 1936 in Quedlinburg. Hier zitiert nach: Germanien 1936, S Kroll 1998, Voigtländer 1989, 44. Abb. 1: Quedlinburg 1936: Todestag Heinrichs I. mit Himmler und anderen Parteifunktionären (Germanien 1936) Besonders hervor getan hat sich an diesem Punkt Heinrich Himmler. Bei ihm kommt die Perzeption des Faches Vor- und Frühgeschichte sehr viel stärker als bei anderen NS-Größen zutage. Himmler betrachtete die prähistorische Archäologie als»die unmittelbare, mit allen Sinnen erfassbare Berührung mit den wieder ans Licht gebrachten Häusern, Waffen und Geräten unserer Vorfahren.«9 Beeinflusst wurde Himmler durch umstrittene, selbsternannte Vorgeschichtsforscher oder Privatgelehrte. Zu nennen sind hier der pensionierte Oberst Karl-Maria Wiligut (Weisthor) aus Österreich, der umstrittene Marburger Privatgelehrte Herman Wirth und der selbsternannte Germanenforscher Wilhelm Teudt. 10 Von wesentlicher Bedeutung war für Himmler, dass»geschichtliche Vorstellungen«im Volk geweckt werden sollten, die»den notwendigen Nationalstolz stärken«... und»einzig und allein«dafür wurden»diese Leute [i. S. von»prähistoriker«u. H.] bezahlt«. Obwohl Himmler die Vorgeschichte als»die Lehre von der überragenden Bedeutung der Deutschen in der Vorzeit«ansah, beurteilte er es für Partei und Staat als»höchst gleichgültig, ob sich die Vorgeschichte der germanischen Stämme in Wirklichkeit so oder anders abgespielt hat.«11 Äußerungen wie diese enthielten quasi die Legitimation zur Verfälschung archäologischer Forschungsergebnisse. Aufgrund der»rassenpolitischen Aufgaben der Schutzstaffeln«legte Heinrich Himmler»großes Gewicht auf die Aufhellung der deutschen Vorzeit und die Inangriffnahme von Grabungen an den für diese Zielsetzung in Betracht kommenden Stellen«. Himmler wurde deshalb vom Reichserziehungsministerium»zur Ausgrabung vorgeschichtlicher Altertümer innerhalb des Landes Preußen ermächtigt«und die anderen deutschen Länder wurden gebeten, ihm ebenfalls»eine entsprechende Ermächtigung«zu erteilen. 12 In der SS-Zeitschrift»Das Schwarze Korps«wurde regelmäßig über die Ergebnisse von Ausgrabungen berichtet, oder es wurden allgemeine Beiträge zur Prähistorischen Archäologie veröffentlicht. 13 Heinrich I. war nach Kroll für Himmler der»zeitlich früheste Protagonist einer deutschen Ostorientierung«. 14 So behauptete Himmler 1936 in Quedlinburg, dass Heinrich I. die»erkenntnis«gehabt habe,»daß das deutsche Volk, wenn es leben wollte, den Blick über die eigene Sippe und über den eigenen Raum nach Größerem sich ausrichten mußte«, 15 und deutete damit den Sachsenherzog als Symbolfigur für die nationalsozialistischen Großmachtsgedanken. Heinrich I. wurde deshalb für Himmler zur»überragende(n) Symbolfigur«. 16 Die Ausgrabungen und Propagandafeiern (König Heinrich-Feier bis 1944) 17 in Quedlinburg verdeutlichten es, denn die zwar aus»sicherem germanischen Gefühl heraus geschaffenen Gotteshalle«, die Stiftskirche, sollte trotz der germanisch spürbaren Gefühle zu einer»weihestätte«ausgestaltet werden,»zu der... (die) Deutschen wallfahrten«(abb. 1) Rosenberg kennzeichnete die Ergebnisse archäologischer Forschung als»geschichtsbildenden Blick in die Vergangenheit«. 19 Zahlreiche Metaphern charakterisieren seine Sympathie für das Fach und lassen auch bei ihm eine perzeptorische, religiös durchsetzte Wahrnehmungsweise erkennen. So bezeichnete er die»ergebnisse der vorgeschichtlichen Forschung«als»das Alte Testament des deutschen Volkes«. 20 Die prähistorische Wissenschaft bildete für ihn»die Brücke... aus einer fernen Vergangenheit in eine große Zukunft«. 21 Für ihn hatte»die deutsche Vorgeschichtsforschung... die große Aufgabe, die Ehre Germaniens wiederherzustellen und damit eine Wende auch der Beurteilung der gesamten Geschichte der Erde bei anderen Völkern herbeizuführen.«22 Im Gegensatz zu Himmler sind direkte Kontakte Rosenbergs zu den wissenschaftlich umstrittenen Laienforschern nicht bekannt und es gab für Rosenberg keine direkte»ermächtigung«für Ausgrabungen. Zu Heinrich I. äußerte sich Rosenberg 1934 in Verden a. d. Aller wie folgt:»der erste wirklich große deutsche Herrscher... ist der Sachse Heinrich I, dessen Frau sich rühmte, eine unmittelbare Nachkommin des Herzogs Widukind zu sein«und hatte so seine geschichtliche Traditionslinie Hermann der Cherusker Widukind Adolf Hitler beibehalten. 23 Die Vorlieben der beiden NS-Größen zeigen, dass Ausgrabungen der Mittelalterarchäologie von der NS-Propaganda nicht außer Acht gelassen wurden. Wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitungen zur Mittelalterarchäologie in der NS-Zeit, zu ihren wissenschaftlichen Vertretern und der Ausgrabungstätigkeit in Ostmitteleuropa fehlen noch weitgehend. Zu Quedlinburg ist zwar ein Teil des damals geführten Briefwechsels in der Publikation von Voigtländer zitiert, aber nicht im Hinblick auf die Auseinandersetzungen der verschiedenen Lager innerhalb des Faches Vor- und Frühgeschichte überprüft worden. Am 2. Juli 1936 jährte sich der Todestag Heinrichs zum 1000sten Mal. Die Stadt Quedlinburg machte sich Gedanken über die Gestaltung des Tages und versuchte im Vorfeld»oberste Reichsstellen«dafür zu gewinnen. 24 Besonders gelegen kam diese Anfrage der SS, denn dort sah man»die Tatsache der Tausendjahrfeier... propagandistisch geradezu [als] ein Geschenk des Himmels«. Noch 1935 stellt Himmler endgültig die Weichen und legte fest,»daß die SS mit der Stadt Quedlinburg alleinige Trägerin der Feiern... sein sollten«. Schon im Vorfeld versuchte die SS die Gebeine Heinrichs I. zu finden, ein Arbeitsstab Quedlinburg wurde eingesetzt und der SS-Obersturmführer Rolf Höhne mit der Aufgabe betraut. Höhne war schon seit 1931 Mitglied der SS, hatte Geologie und Vorgeschichte studiert und war seit 1. Februar 1934 Leiter der Abteilung»Vorgeschichte«im Reichssicherheitshauptamt. 25 Die Heinrichsfeier 1936 konnte allerdings nur an der mutmaßlichen Grabstelle stattfinden, denn bislang hatte Höhne die Bestattung Heinrichs noch nicht gefunden. Aus einer Grabung des Jahres 1756 war bekannt, dass man im Sarg der Königin Mathilde überzählige oder zweierlei Knochen gefunden hatte, die damals als Heinrichsknochen interpretiert worden waren. 26 Deshalb wurden 1936 der Mathildensarg erneut geöffnet und die Knochen anthropologisch untersucht. Da diese Untersuchung nicht das gewünschte Ergebnis lieferte, wurden die überzähligen Knochen fortan als Reliquienknochen angesprochen. Die verschwundenen Heinrichsgebeine wurden deshalb von Himmler in seiner Rede 1936 dahin interpretiert, dass»finsterer unversöhnlicher Haß politisierender Würdenträger seine Asche in alle Winde zerstreut hätte«. Damit hätte man es belassen können, aber die Suche nach den Heinrichsgebeinen wurde nicht eingestellt, und am 23. Juni 1937 meldete der Völkische Beobachter:»Auf Befehl des Reichsführers SS, Heinrich Himmler wurden wissenschaftliche Untersuchungen nach dem Verbleib der Gebeine Heinrichs I von Dr. Höhne durchgeführt. Die Urkundenbearbeitung und die Ausgrabungen auf dem Schloßberg Quedlinburg hatten zum Ergebnis, daß die Gebeine König Heinrichs I gefunden und als solche durch die an mehreren Universitäten durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen Alfred Rosenberg Die SS-kontrollierten archäologischen Untersuchungen 1936/37 18 Himmler in seiner Rede am 2. Juni 1936 in Quedlinburg. Hier zitiert nach: Germanien 1936, Rosenberg 1930 (1943), Rosenberg 1936, Rosenberg in seiner Rede»Germanische Charakterwerte«, gehalten auf der 5. Reichstagung für Deutsche Vorgeschichte in Hannover Rosenberg 1938, 322 und Rosenberg, ohne nähere Quellenangabe. Hier zit. nach Nordische Welt 3, Heft , S Hier zitiert nach Trotha 1936, S Hier zitiert nach Voigtländer 1989, Bundesarchiv Documentcenter Berlin, Materialien Höhne. 26 Ausgrabungsbericht, abgedruckt bei Voigtländer 1989, Abb. 2: Quedlinburg,»Ehrenwache der SS«am Grab Heinrichs I. (Germanien 1936) Abb. 3: NS-Propangandapostkarte (1941) (Privatbesitz) 27 Völkischer Beobachter vom 23. Juni1937, Norddeutsche Ausgabe. 28 Das Schwarze Korps Wäscher 1959, Erdmann 1940, 76 Anm Erdmann 1940, 97. werden konnten.«27 Näheres zu den Fundumständen und zu den Funden lässt sich im Juli 1937 im Schwarzen Korps nachlesen:»im Untergrund der bisher leeren Grabstätte des Königs und seiner Gemahlin Mathilde wurden Skelette freigelegt, die nach den Beigaben, der Art des Bodens und der besonderen Fundumstände zu der Vermutung berechtigen, daß es sich um die Gebeine Heinrichs handelt. Neben einer Grabbeigabe war ein auf dem Schädel befindliches Stirnband mit Schmuckbesatz ein auffallendes und wertvolles Fundergebnis.«28 Eine genaue Rekonstruktion dieser Grabung, die zu diesem Ergebnis führte, ist allerdings nicht möglich, da weder in den Akten des Bundesarchivs noch in denen der Denkmalpflege ein Bericht überliefert ist. Nach Aussagen von H. Wäscher, der mit Mitarbeitern der Denkmalpflege gesprochen hatte, hat Höhne damals mehrere Gräber in der Nähe der Königsgräber freigelegt und in einem zwei Schädel gefunden. Dieser Fund wurde als Heinrichs Schädel interpretiert. 29 Allerdings gab es noch während der NS-Zeit erste kritische Veröffentlichungen dazu. Der Historiker Carl Erdmann berichtete, er hätte bei seinen Arbeiten zu dem Aufsatz»Das Grab Heinrichs I.«, der 1940 im Deutschen Archiv für Geschichte des Mittelalters erschien,»nicht erfahren, wo die Gebeine Heinrichs I. gefunden«wurden. 30 Er drückt deshalb in seinem letzten Satz die Hoffnung aus:»was hier tatsächlich gefunden wurde, wird uns hoffentlich die Veröffentlichung über die Grabung von 1936 lehren.«31 Tatsächlich hatte Höhne eine Publikation seiner Befunde und 18 Abb. 4: SS-Gedenkplakette der»heinrichsfeier«in Quedlinburg (Vorder- und Rückseite) (Privatbesitz) Funde vorgesehen, doch dies wurde 1940 von Himmler gestoppt, da im Ahnenerbe die Meinung vertreten wurde, dass das Manuskript»leider über alle Erwartungen negativ ausgefallen war.«32 Nun wurden Höhne weitere Bearbeiter zur Seite gestellt, u. a. der Archäologe und SS-Obersturmführer Peter Paulsen. 33 Die SS vermerkte aber 1942, dass alle Bearbeiter sich im Kriegseinsatz befänden, und deshalb wurde die endgültige Auswertung auf das Kriegsende verschoben. Seit dem Jahr 1936 hatte die SS die Gedenkfeiern an sich gezogen und die Ausgrabung kontrolliert. Seitdem baute sie sie auch in die NS-Propaganda ein (Abb. 2). In der monatlich erscheinenden Zeitschrift»Germanien«, die die SS wenige Monate zuvor von der Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte übernommen hatte, erschien ein thematisches Sonderheft zu Heinrich I., und im Augustheft wurde die Himmlerrede vom 2. Juni 1936 abgedruckt. In der NS-Propaganda wurde der Heinrichsmythos über Postkarten (Abb. 3) und Anstecknadeln (Abb. 4) verbreitet. Im Gegensatz zu anderen Ausgrabungen während der NS-Zeit standen die Untersuchungen zum Kirchenbau auf dem Schlossberg nicht unmittelbar im Spannungskampf zwischen den Archäologen des Amtes Rosenberg und denen der SS, sondern beide Gruppierungen hielten sich zurück und überließen diese Untersuchung der örtlichen Denkmalpflege. Trotzdem lässt sich für alle Ausgrabungen im Quedlinburg ein anderer fachpolitischer Hintergrund vorstellen, nämlich dass die Auseinandersetzungen zwischen den Mitarbeitern des Amtes Rosenberg und denen der SS eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Aktionen der SS wurden schon vorgestellt. Deshalb wird im folgenden ein Blick auf die Handlungen des anderen Lagers, des Amtes Rosenberg, zu Quedlinburg geworfen werden. Obwohl Himmler in Quedlinburg die»gründung eines Reichsinstituts für deutsche Vorgeschichte unter Leitung Hans Reinerths (Amt Rosenberg)«verkündete, 34 wurde Heinrich I. dort kaum gewürdigt. Im»Germanen-Erbe«, der populären Zeitschrift des Amtes Rosenberg fand sich kein Hinweis auf die Veranstaltungen in Quedlinburg. Zeitgleich zur dortigen Veranstaltung fand in Braunschweig die Tagung der»nordwestdeutschen Arbeitsgemeinschaft im Reichsbund für deutsche Vorgeschichte«statt. Dort wurde nur ein Vortrag zu Heinrich I. gehalten, und zwar von Alfred Thoß, der 1936 im»blut und Boden Verlag«das Buch»Heinrich I. Der Gründer des ersten deutschen Volksrechtes«veröffentlicht hatte. 35 Der Archäologe und Volkskundler Werner Radig 36 veröffentlichte wenige Monate nach der Gedenkfeier von 1936 als Band 14 der»führer zur Urgeschichte«des Amtes Rosenberg Heinrich I. in der NS-Propaganda des Amtes Rosenberg 32 Schreiben Sievers an den Kurator Wüst des SS-Ahnenerbes vom 30. März Bundesarchiv Documentcenter Materialien Höhne. 33 Schreiben Sievers an den Völkischen Verlag J. F. Lehmann, München vom 28. Dezember Bundesarchiv Documentcenter, Materialien Höhne. 34 Völkischer Beobachter vom Germanen-Erbe 1, 1936, Zu Radig vgl. Leube Abb. 5: Titelbild der Publikation Radigs mit der Silhouette der Quedlinburger Stiftskirche (1937) PD Dr. Uta Halle Humboldt-Universität, Lehrstuhl für Ur-und Frühgeschichte Hausvogteiplatz 5-7, D Berlin einen Band mit dem Titel»Heinrich I. Der Burgenbauer und Reichsgründer«(Abb. 5). Radig hatte sich schon vor 1933 mit Heinrich I. beschäftigt und begründet sein neuestes Werk in der Einleitung mit folgenden Worten:»Die Beschäftigung mit Heinrich ist unerhört modern, weil höchst zeitnah. Wir stehen in einer Zeit, in der ein Führer eine Gefolgschaft zusammengeschmiedet hat, in der sich Länder dem Reiche einfügen... und unser Augenmerk auf die Grenzmarken gerichtet ist. Denken wir an Arminius, einen Heinrich und an unseren Führer, so vermögen wir einen tausendjährigen Rhythmus in der schicksalhaften Bahn der Geschichte zu ahnen. Noch merkwürdiger ist jenes Zahlenspiel, das sich im Vergleich mit einem tausendjährigen Kalender ergibt. 919 beginnt Heinrich I seinen Heldenweg, wohl 924 erleidet er eine empfindliche Schlappe im Ostland... und 933 schlägt er den entscheidenden Sieg gegen den Reichsfeind.«Dieses Zitat zeigt die mythische Überhöhung und Parallelisierung zum Gegenwartsbezug mit dem Leben Adolf Hitlers, der nach Radig tausend Jahre nach Heinrich I seinen»heldenweg«mit der Gründung der NSDAP begann, 1924 nach dem missglückten Putschversuch in München seine»schlappe«in der Festung Landsberg absitzen musste und dem 1933 der»sieg«mit seiner Ernennung zum Reichskanzler gelang. Zu diesen Äußerungen wurde Werner Radig bestimmt nicht durch den Chefideologen Alfred Rosenberg aufgefordert, sondern sie zeigt m. E. Radigs freiwillige Anpassung an die Forschungssituation im Nationalsozialismus. Diese Veröffentlichung zeigt, dass sich neben der SS auch das Amt Rosenberg auf historisch-archäologische Ergebnisse zu Heinrich I. stützen konnte, oder um es überspitzt mit einem umstrittenen Buchtitel der letzten Jahre zu sagen: auch in der Archäologie hatte Hitler seine willigen Vollstrecker, die die NS-Propaganda in archäologischen Quellen spiegelten. Mit seiner beginnenden Ostkolonisation diente Heinrich I. den Nationalsozialisten als positive geschichtliche Person, deren Leben sie als Legitimation eigener Macht- und Expansionsvorstellungen ausschlachten konnten. So galt er als»gründer des ersten deutschen Volksreichs«und wurde in eine geschichtliche Legitimationslinie zum»gründer des Dritten Reichs«, Adolf Hitler, gesetzt. Der Ort des Grabes, die Quedlinburger Stiftskirche wurde in der NS-Zeit mit großem Aufwand zu einer»nationalen Weihestätte«umgestaltet, die örtlich
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